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Stellaner Steckbriefe | |
Daniel Matthias Kapp
Daniel Matthias Kapp, am 28. April 1968 in Kigali, Ruanda geboren, hat die amerikanische und die deutsche Staatsangehörigkeit und arbeitet heute als Pressesprecher des österreichischen Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft in Wien. Das dies so ohne weiteres möglich scheint, zeugt entweder von einer außergewöhnlich weltoffenen Mentalität unserer Nachbarn, oder von Kapps unverzichtbarer Kenntnis der Agrar- und Umweltpolitik. Zumindest auf letzteres lässt seine Diplomarbeit an der Universität Wien über die Deportation und Zwangsarbeit ungarischer Juden jedenfalls nicht schließen. Eher ist anzunehmen, daß der überzeugte Europäer aufgrund seiner internationalen Erfahrung und seiner geistigen Beweglichkeit überzeugt hat.
Dem Besuch der internationalen Schulen in Rangoon (Birma) und Lusaka (Sambia) schließen sich das Kollegium Josephinum und letztendlich das Aloisiuskolleg in Bonn an. In der mitunter autoritären Atmosphäre des Internates tat sich der junge Kapp nicht immer leicht, Theaterspiel und ein reges Interesse an Kultur stellen Fluchten aus dieser Welt dar. Das er vor allem während seines Studiums besonderes Engagement in ehrenamtliche Tätigkeiten gesteckt hat – unter anderem war er in der Flüchtlingshilfe sowie der Behindertenpolitik aktiv – macht deutlich, daß Humanität von Kapp praktisch gelebt wird, auch wenn er heute als Pressesprecher eher der politischen Rhetorik gewidmet hat.
FRAGEN AN DANIEL KAPP
Wie wird ein deutscher Staatsbürger Pressesprecher eines österreichischen Ministers? Haben die Österreicher nicht genügend gute Leute, um ihre Positionen in der Politik mit eigenen Leuten besetzen zu können?
Das ist ja das spannende an Europa. Es ist ein Lebensraum für Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union suchen und finden können!
Erfordert es aber nicht ein gewisses Maß an Identifikation und Loyalität, wenn man politisch für einen Nationalstaat tätig ist?
Also diesen bodenständigen Heimatbezug habe ich nicht in die Wiege gelegt bekommen. Ich lege jedenfalls Wert auf Menschen und das bedingt Loyalität. Darüber hinaus gefallen mir Orte und Landschaften, Nation ist dagegen keine Kategorie meines Denkens.
Warum hat es Sie gerade nach Österreich verschlagen?
Ganz praktisch dadurch, dass mein Vater, der lange Jahre im deutschen Auswärtigen Amt gearbeitet hat, Ende der 80er Jahre nach Wien versetzt wurde und ich nach Internat und Bundeswehr zunächst einmal nach Hause gefahren bin… und „zuhause“ das war damals eben Wien!
Sie haben auch in Wien studiert. Ihre Diplomarbeit über die Deportation und Zwangsarbeit ungarischer Juden geschrieben. Ein Thema, das versucht die Vergangenheit zu bewältigen.
Glauben Sie, dass Vergangenheitsbewältigung in Österreich ausreichend stattgefunden hat?
Österreich hat nach dem Krieg ein politisches Selbstverständnis als erstes Opfer des
Nationalsozialismus entwickelt und gepflegt. Das hat vieles zugedeckt und einen offenen
Diskurs erschwert. Möglicherweise haben der Fall Waldheim sowie die Regierungsbeteiligung
der FPÖ wesentliche Impulse zur Diskussion um die eigene Vergangenheit geliefert. Dennoch:
Bedarf an Diskussion und Aufarbeitung ist immer gegeben - in Österreich, in Deutschland, in
Europa – er ist weder quantifizierbar, noch relativierbar.
Man muss sich dabei übrigens eines vor Augen führen: unsere Generation hat heute gerade noch
die Möglichkeit zum Gespräch mit Zeitzeugen. Wenn wir Mitte 70 sind, wird die Befreiung des
KZ Auschwitz 100 Jahre zurück liegen. Unsere Kinder werden diese Chance also nicht mehr
haben und so besteht ein Teil unserer Verantwortung darin, sicherzustellen, dass die Shoa
für sie mehr sein wird, als ein beliebiges historisches Ereignis!
Nimmt Jörg Haider diese Verantwortung wahr?
Ich kann nicht erkennen, dass er die Verantwortung wahr haben will.
Haiders FPÖ gilt ja auch freundlich gesagt als Europa-skeptisch und Erweiterungsfeindlich.
Wie steht es Ihrer Meinung nach mit Österreichs Haltung zur Erweiterung?
Ich weiß, es ist journalistisch reizvoll, aber man darf Haiders Bedeutung nicht überwerten.
Man muss sich allerdings bewusst sei, dass Österreich das Land mit der längsten gemeinsamen
Grenze aller Mitgliedsstaaten zu den Beitrittskandidaten ist. Die Auswirkungen der
Erweiterung – positive, wie negative – werden hier also deutlicher spürbar sein, als
anderswo. Dass es zu diesem Thema viele Fragen gibt, ist normal und verständlich. Diese
Fragen muss man beantworten. Sicher gibt es auch Spannungsfelder, wie zum Beispiel das
grenznahe tschechische Atomkraftwerk Temelin, aber es gibt auch eine große Bereitschaft,
sich solchen Herausforderung zu stellen! Unterm Strich ist jedoch klar: die Erweiterung
kommt und es ist richtig, dass sie kommt.
Das klingt alles sehr freundlich. Ist Österreich noch eine größere Konsensgesellschaft als
die BRD?
Ohne Zweifel, das merkt man bereits an der Anzahl der Streiktage. In Österreich gab es seit
über 50 Jahren keine nennenswerte Arbeitskämpfe. Grund dafür ist eine sehr gut
funktionierende Sozialpartnerschaft, die wohl auch das konstitutive Element einer ganz
speziellen österreichischen Konsens-Kultur ist. Man kann das werten, wie man will. Die
Kehrseite dazu ist eben, dass Österreich eine schwächere Konflikt-Kultur entwickelt und
manches gar nicht erst diskutiert wird. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man in
einem kleinen Land eher dazu neigt, sich zu arrangieren. Man kommt sich tatsächlich schwer
aus...!
Sie sind, das merkt man an manchen ihrer Antworten, Pressesprecher. Da Sie von ihrer
Ausbildung her nicht unbedingt ein Agrarspezialist sind, drängt sich die Frage auf, was Sie
eigentlich zu dieser Aufgabe qualifiziert?
Der Pressesprecher des Landwirtschaftsministers ist kein Universitätsdozent für
Agrarwirtschaft. Vielmehr ist er nach dem Ressortleiter, dem Minister, eine zentrale
Schnittstelle des Ministeriums zur medialen Öffentlichkeit. Es ist daher seine Aufgabe,
teilweise komplexe Sachverhalte in ihrer politischen Dimension zu erfassen, um sie in eine
für die Öffentlichkeit plausible, nachvollziehbare und in ihrer Wirkung abschätzbare Sprache
zu kleiden. Dabei hilft der sogenannte Blick von Außen.
Ihre Eltern leben inzwischen in Berlin, Sie haben dadurch den Blick auf beide Hauptstädte,
was ist das Spezifische der beiden Städte?
Wien ist eine Stadt mit großen Kontinuitäten, kulturell vor allem. Demgegenüber hat das
Leben in Berlin nach der Wiedervereinigung eine enorme Dynamisierung erfahren. Berlin ist
heute eine sehr vielfältige Stadt.
Es gibt ein schönes Bild vom Schriftsteller Robert Musil, ‚Kakanien’, er beschreibt sein,
allerdings ein k.u.k. Österreich als Vielvölkermagneten. Findet man dieses ‚Kakanische’
heute noch in Wien?
Wien ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu Budapest, Bratislava oder Prag und das spürt man
schon an allen Ecken und Enden dieser Stadt. Zum Teil sind es jedoch historische Spuren,
denn die bis heute wenigen Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben, so meine ich,
nicht gereicht, um wiederzubeleben, was es vor dem Zweiten Weltkrieg an geistigem Austausch
gegeben hat.
Abschließend, noch die Frage, wenn Sie wählen könnten zwischen Berlin und Wien, was würden
Sie wählen?
Ich kann zwischen Berlin und Wien wählen!
- Welche Erfahrung haben Sie mit der jesuitischen Erziehung gemacht?
Dass es notwendig ist, Standpunkt zu beziehen und auf dem Weg dorthin konsequent den eigenen
Kopf zu gebrauchen.
- Wie hat jesuitische Erziehung Ihren weiteren Lebensweg geprägt?
Es ist sicher ein Ergebnis dieser Erziehung, dass ich nur das für mich als richtig zu
akzeptiere, was ich auch argumentieren kann.
- Inwieweit fließt Ihre schulische Ausbildung in Ihre tägliche Arbeit ein?
Insofern, als dass meine auch jesuitisch provozierte Lust am Diskurs durch die Art meiner
täglichen Arbeit vollauf bedient wird.
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